Zum Thema nachhaltige Mode haben wir uns immer Gedanken gemacht, aber uns bisher nicht so richtig getraut etwas darüber zu schreiben. Deshalb haben wir Josefine Rudolf als Maßschneidermeisterin für nachhaltige Mode gebeten ihre Expertise zum Thema für die Ökofreaks zu geben. Weiter im Text folgen sehr spannende, interessante und nützliche Hinweise.

Josefine Rudolf – nachhaltige Maßschneidermeisterin

Mein Name ist Josefine Rudolph und ich bin Maßschneidermeisterin. Schon in meiner Ausbildung bin ich auf das Thema Nachhaltigkeit bei Kleidung gestoßen und habe mich seither immer wieder damit beschäftigt.

In meinem Atelier in Bannewitz biete ich maßgefertigte Kleidung aus nachhaltigen Stoffen an (www.rudolfine.com).

Mehr als 2 Jahre ist es inzwischen her, dass Kristina von „Ökofreaks“ mich gefragt hat, ob ich ihr einen Artikel über nachhaltige Mode schreiben würde.

Freudig habe ich sogleich mit dem Schreiben des Textes begonnen und schnell festgestellt, dass hier wohl eher ein Buch und ewig lange Recherchen notwendig wären. Themen wie ökologische Fasern, Herstellungsarten von Stoffen und Farben, Transportwege, Second Hand, humane Arbeitsbedingungen und Recycling schwirrten durch meinen Kopf und durch meine geöffneten Tabs. 😉

Letztlich habe ich festgestellt, dass es beim Thema Mode wirklich schwer ist, einen klaren Leitfaden für Nachhaltigkeit zu definieren, da dieses Thema auch sehr individuell ist. 

Auf einer Hochzeit werden meist alle Gäste satt und zufrieden, wenn es vielleicht 5 verschiedene Hauptgerichte zur Wahl gibt. Niemals würde das jedoch mit der Hochzeitsmode funktionieren. Jeder kleidet sich einzigartig! Und wo das nicht der Fall ist, wie manchmal z.B. bei Brautjungfern oder zu strengen Dresscodes, da fühlt sich mancher einfach nicht wohl…

Deshalb darfst und solltest du beim Kauf von Mode neben deinem Gewissen auch dein Gefühl, dein Trageempfinden, dein Schönheitsempfinden sowie deine praktischen Trageanforderungen unbedingt mit einbeziehen! 

Wie wird ein nachhaltiger Schrank geschaffen?

Niemand hat etwas davon, wenn du das ökologischste Kleidungsstück der Welt gefunden hast, dich aber darin nicht wohl fühlst und es deshalb doch nur im Schrank liegt… 😉

Dennoch bekommt ihr hier von mir einen kleinen Leitfaden, was ihr bei der Suche nach eurem nächsten Kleidungsstück beachten könnt. Um es gleich vorweg zu nehmen: wer 100% sicher gehen will, keine Schäden an Mensch oder Natur zu hinterlassen, sollte am besten nackt gehen… 😉

Da das aber nur an wenigen Orten toleriert wird, hier meine Tipps, wie euer Kleiderschrank nachhaltiger werden kann:

Anschaffung

Eine Stange mit Klamotten auf Bügeln

Generell gilt: je länger und öfter du ein Kleidungsstück trägst, desto ökologischer ist es. Meide deshalb Fehlkäufe, die durch Denkweisen wie: „Ich muss dieses Schnäppchen einfach haben!“ oder „Das ist gerade ein absolutes Must-Have“ befeuert werden. Mache dir stattdessen vor dem Einkauf einen Plan, was du wirklich brauchst und suche gezielt danach. 

Die nachhaltigste Art sich zu Kleiden, ist SECOND HAND MODE. Wenn du etwas bestimmtes suchst, versuche es doch erst einmal auf diesem Weg. Du wirst staunen, was es alles zu entdecken gibt! Gebrauchte Kleidung findest du online von privat und auch gewerblich, in Second Hand Läden, auf Flohmärkten, auf Kleidertauschpartys mit Freunden und manchmal auch in „zu-verschenken“-Kisten 

Vorteile: 

  • sehr individuell durch geringe Stückzahlen
  • preiswert
  • persönliches Kauferlebnis ist möglich (online persönliches Schreiben mit Verkäufer(in) oder ein kleiner Schwatz auf dem Flohmarkt,…)
  • Evtl. vorhandene Chemikalienrückstände sind oft schon aus dem Kleidungsstück herausgewaschen
  • Du kannst mit gutem Gewissen deine Lieblingsmarke tragen, auch wenn sie nicht nachhaltig produziert.
  • Vintage Artikel sind oft hochwertig verarbeitet.

Nachteile: 

  • Beim Privatverkauf kein Rückgaberecht
  • bereits getragene Kleidung hält manchmal weniger lang als neue.
  • Wer nach aktuellen Modetrends sucht, hat es evtl. schwer. 
  • Aufgepasst bei Produkten aus Tierhaar: besser erstmal für ein paar Stunden in den Tiefkühlschrank, bevor du es in den Kleiderschrank lässt. (Stichwort Motten/ Pelzkäfer)

Wenn du Second Hand nichts gefunden hast oder einfach Lust auf was Neues hast, kannst du dir ein ÖKO-LABEL suchen. In vielen Städten gibt es auch Concept Stores, die ausschließlich Ökolabel führen. Wenn das keine Option für dich ist, schau dich gern online um. Achte dabei auf die Zertifizierungen der Kleidungsstücke (GOTS, bluesign, Fairtrade,…) Du kannst jedes Zertifikat online Recherchieren und es gibt auch Listen, in denen verglichen wird, welche Nachhaltigkeitskriterien bei den jeweiligen Siegeln wie stark berücksichtigt werden.

Kleinere Label haben manchmal auch keine Zertifikate und produzieren trotzdem nachhaltig. Schau dann, ob es dir vertrauenswürdig vorkommt. 

Vorteile:

  • neu und ungetragene Kleidung
  • Kleidung den aktuellen Trends entsprechend oder oft auch einfach zeitlos
  • Produktion unter fairen Arbeitsbedingungen (wenn das Zertifikat das einschließt)
  • Schadstofffreie Produktion, gut für dich und die Umwelt (wenn das Zertifikat das garantiert)

Nachteile:

  • i.d.R. teurer als vergleichbare Produkte ohne Öko-Zertifikate
  • bedenke, dass neu produzierte Kleidung immer eine (wenn hier auch vergleichsweise geringere) Belastung von Ressourcen darstellt.
  • Der Einsatz von Chemikalien ist manchmal leider auch notwendig für die Funktion. Ein Beispiel sind Imprägnierungen von Regenjacken. Auf diesem Gebiet wird noch viel geforscht, aber es gibt auch schon recht gute Alternativen.

Selber nähen

Am ökologischsten nähst du selbst, indem du alte Kleidung, Gardinen, Bettwäsche… recycelst oder ökologische Stoffe kaufst. Vermeide beim Zuschnitt (und auch schon beim Stoffkauf!) große Stoffreste bzw. verwende sie weiter oder verschenke sie statt sie wegzuwerfen.

Vorteile: 

  • selber nähen macht Spaß!
  • Du weißt genau, wer es aus welchen Materialien hergestellt hat.
  • Es gibt i.d.R. nur wenige Transportwege 
  • Du trägst es voller Stolz und wirst es nicht so schnell entsorgen.
  • Dein Kleidungsstück ist einzigartig und etwas ganz besonderes!
  • Du kannst eigene Vorstellungen und Maße verwirklichen
  • Wenn es repariert oder geändert werden muss, hast du vielleicht noch Stoffreste parat… 😉

Nachteile:

  • Du brauchst viel Zeit, Lust, handwerkliches Geschick, eine Nähmaschine und einige Werkzeuge…
  • Materialien und Werkzeuge haben ihren Preis.
  • Es kann passieren, dass du das Kleidungsstück nicht anziehst oder gar nicht erst fertig nähst, weil du nicht zufrieden damit bist.
  • Die Recherche nach geeigneten und ökologischen Stoffen und Zutaten ist manchmal langwierig.

Nähen lassen

Stockfoto

Wer sich das selber Nähen nicht zutraut oder schlicht einfach keine Zeit/ Lust dazu hat, kann auch nähen lassen. Je nach Atelier bekommst du gewöhnliche oder sehr hochwertige Qualität. Hat sich die Schneiderei deines Vertrauens nicht auf ökologische Stoffe spezialisiert, kannst du fragen, ob ihr eigenes Material mitbringen dürft. Maßschneiderei ist sehr individuell und daher gibt es auch häufig einen maßgeschneiderten Service. 😉 

Vorteile:

  • Du bekommst ein Kleidungsstück genau nach deinen Wünschen.
  • Du wirst professionell beraten, sodass das Teil auch wirklich zum Anlass und zu dir passt und du die Anschaffung später nicht bereust.
  • Es sitzt perfekt und kann i.d.R. auch um einige Zentimeter erweitert/ enger gemacht werden, falls es einmal nicht mehr passt.
  • Hochwertige Verarbeitung und hochwertige Stoffe zaubern einen  exklusiven Look.
  • Keine ermüdende Shopping-Tour oder stundenlange Onlinesuche. Dafür persönlicher Kontakt bei den Anproben mit der Schneiderin/ dem Schneider.

Nachteile:

  • Gute Handwerkskunst hat ihren stolzen Preis, der anfangs auch nur geschätzt werden kann. 
  • Du benötigst Zeit für die Anproben und die Fahrt zur Schneiderei (falls du nicht zufällig eine in der Nähe hast).
  • Ein gewisses Risiko, ob es gelingt, gibt es immer. Schließlich wird ja nur ein einziges Teil gemacht und nicht eine ganze Kollektion, für die zuvor mehrere Prototypen genäht und getestet werden. 
  • Ein „Rückgaberecht“ gibt es bei Maßanfertigungen nicht, also achte bei der Besprechung und den Aproben darauf, alles zu benennen, was nicht deinen Vorstellungen entspricht. Fühlst du dich schon beim Vorgespräch nicht verstanden, versuche es ruhig nochmal mit einer anderen Schneiderei. 

Regionale Modeprodukte

Was, wenn dann immer noch nicht das passende dabei ist?! Es gibt Nischenprodukte, die der nachhaltige Markt leider noch nicht abdeckt. So habe ich beispielsweise ziemlich erfolglos nach einem Bügel-BH in meiner Größe gesucht. Selber nähen ist da für viele keine Option, da es sehr viel Know-How und Zeit benötigt um einen gut sitzenden BH zu nähen. Für mich sind in solchen Fällen REGIONALE PRODUKTE eine gute Alternative. Je regionaler, desto besser. Im Idealfall werden alle Produktionsschritte aus einer Hand gefertigt. In meinem BH-Fall war das regionalste in der EU produziert. Wenn du verreist bist, kannst du auch dort regionale Produkte kaufen. Achte dabei möglichst auf soziale Standards.

Vorteile:

  • regionale Produkte haben eine verringerte CO-2-Bilanz aufgrund der geringen Transportwege.
  • Du kannst im besten Fall den Hersteller persönlich kennen lernen und dich von sozialen Arbeitsbedingungen selbst überzeugen.

Nachteile:

  • Andere wichtige Kriterien wie soziale Standards oder nachhaltige Produktion und Materialien sind evtl. nicht erfüllt.

Pflege / Erhalt

Unabhängig davon, ob dein Kleidungsstück ökologisch korrekt hergestellt wurde oder nicht, kannst du auch nach der Anschaffung dafür sorgen, deinen Kleiderschrank nachhaltiger zu machen.

  • Verwende ökologisches Waschmittel ohne unnötige Chemikalien.
  • Vermeide Weichspüler.
  • Für manche hartnäckige Flecken (z.B. Window Color Flecken o.ä.) hilft nach meiner Erfahrung leider trotzdem nur ein chemischer Fleckenentferner. Wenn die Alternative wäre, das Teil zu entsorgen, finde ich einen chemischen Fleckenentferner vertretbar. 
  • Verwende eine Kleiderbürste anstatt ständig zu waschen.
  • Gibst du dein Kleidungsstück in die professionelle Reinigung, empfiehlt sich (wenn möglich) die Nassreinigung (Pflegesymbol: W).
  • Nimm eine spezielle Kleiderbürste (z.B. die „Wunderbürste“) um Pilling zu entfernen. Mit einem elektrischen Fusselrasierer wird der Stoff schnell dünner und bekommt Löcher. 
  • Nähe nicht mehr passende Kleidung um (oder lass es professionell ändern).
  • Repariere deine Kleidung (oder lass reparieren).

Entsorgung

Manchmal muss es eben doch weg. Vielleicht brauchst du „Platz für Neues“, willst generell deinen Kleiderschrank verkleinern, es passt oder gefällt nicht mehr usw…

  • Achte schon beim Erwerb drauf, dass das Kleidungsstück später möglichst keine dauerhaften Rückstände in der Natur hinterlässt.  Bevorzuge deshalb Kleidung aus Naturfasern und ohne chemische Ausrüstung.
  • Entsorge bitte nicht generell in der Kleiderspende: informiere dich ggf., was mit deiner Kleiderspende gemacht wird (es gibt kommerzielle und wohltätige Kleiderspenden, regionale und globale…) „Lumpen“ und Stoffreste entsorgst du besser gleich im Restmüll oder Wertstoffhof, da sich der aufwändige Sortierprozess der gespendeten Kleidung aus ökologischer Sicht nicht lohnt, wenn am Ende doch der Großteil der Kleidung nur geschreddert oder verbrannt wird.
  • Gut erhaltene Kleidung kannst du online oder auf Flohmärkten verkaufen oder unentgeltlich an Freunde weitergeben (z.B. bei einer gemütlichen Kleidertauschparty oder wie wäre es mit einer „zu verschenken“-Kiste?)
  • Überlege, ob du den Stoff anderweitig noch verwenden kannst (Lässt sich was hübsches daraus nähen-Patchwork, Kinderkleidung, Tasche, Basteleien…? eignet es sich als Putzlappen? Als waschbare Monatsbinde, Abschminkpads oder Stilleinlagen? Oder als alternatives „Geschenkpapier“…?

Ich hoffe nun, ich konnte euch ein bisschen Lust auf ökologische Kleidung und auch Mut machen, nach ökologischen Alternativen für Kleidung & Co zu suchen. 

Wenn du noch mehr über dieses Thema (z.B. über ökologische Materialien) wissen möchtest, kannst du u.a. hier vertieft nachlesen.

Zum Mitnehmen:

Um nachhaltig zu leben, braucht man nicht perfekt zu sein. Jedes kleine Bisschen zählt und trägt zu einer besseren Zukunft bei. Auch wenn eure Klamotten in der Herstellung nicht nachhaltig sind, gebt euer Bestes um ihnen ein langes, nachhaltiges Leben zu schenken.

Sharing is caring!

Beteilige dich an der Unterhaltung

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.